Förderungsarbeit an hirngeschädigten Kindern

Förderungsarbeit an hirngeschädigten Kindern nach dem Beispiel der heilpädagogischen Arbeit in Ungarn (Dr. Gustav Bárczi)


Unter dem Überbegriff „Förderungsarbeit an hirngeschädigten Kindern nach dem Beispiel der heilpädagogischen Arbeit in Ungarn (Dr. Gustav Bárczi)“ befinden sich im Bestand des Ifbt Filme, in denen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden sowie der Entwicklungsfortschritt von geistig behinderten Kindern dokumentiert wurde. Die Filme gehören zum Bereich Medizinfilm und die Regie führte Fritz Dick (1914-1983), der schon als junger Mann ein Interesse sowohl für Medizin als auch für Film entwickelte und sich in beidem autodidaktisch gebildet hat. Schon Ende des Jahres 1945 begann er mit einer Gruppe, die sich „Filmaktiv“ nannte Medizinfilme zu dringenden Themen der Nachkriegszeit, wie der Seuchenbekämpfung zu drehen, wofür großer Bedarf bestand. Daraus entwickelte sich die Abteilung Medizinfilm des Institutes für Film, Bild und Ton. Fritz Dick hat bei ca. 500 Medizinfilmen als Regisseur, Regieassistent, Drehbuchautor und Kameramann mitgewirkt. Fritz Dick fühlte sich dabei in erster Linie der Medizin verpflichtet::

Ich wurde oft gefragt, was bei meiner Arbeit im Vordergrund stünde, die Filmarbeit oder das medizinische Anliegen. Es wäre billig als Regie-Kameramann, also als Angehöriger der Filmindustrie zu sagen, die Filmarbeit sei das Primäre. Ein glattes Nein! Die medizinische Lehre steht im Vordergrund. Der Film wurde von mir stets nur als Träger des zu vermittelnden Wissens angesehen und das ohne jede “künstlerische” Ambition. Diese “Gebrauchsfilme” sind in gewissem Sinne ein Werkzeug und unterliegen ganz eigenen Gesetzen in Bezug auf’ Herstellungsprozess und Gestaltung.“1

Die Filme wurden in der Kinderklinik für Neuro-Psychiatrie des Bezirkskrankenhauses für Neurologie und Psychiatrie Görden, Brandenburg (Havel) aufgenommen.

Die medizinische Leitung die hatte Dr. Liese-Lotte Eichler, die 1967 ein Buch mit dem Titel „Einführung in die heilpädagogische Arbeit mit geistig schwer und schwerst behinderten Kindern unter Anlehnung an die heilpädagogische Arbeit nach Dr. Gustav Bárczi, geschrieben und beim Verlag Volk und Gesundheit VEB, Berlin herausgegeben hat.

Dr. Gustav Bárczi (1890 -1964), war Budapester Pädagoge, der in den 30 Jahren die Methode der „Hörerweckung und Hörerziehung“ begründete. „ Seine Lebensaufgabe, den geistig behinderten Kindern ein glückliches, sinnerfülltes Leben zu schaffen., muss auch bei uns in der Deutschen Demokratischen Republik verwirklicht werden“ schrieb Liese-Lotte Eichler 2über ihn, was den Pioniergeist mit dem hier vorgegangen wurde ausdrückt. Nach der Zeit des Nationalsozialismus, in der behinderte Menschen schlicht als lebensunwert betrachtet wurden, entwickelte sich ein anderes Menschenbild und entsprechend auch ein neuer Umgang mit behinderten Menschen, der sich bis heute immer wieder verändert. Während behinderte Kinder möglichst in der eigenen Familie betreut werden und staatliche Hilfen darauf abzielen, ein Kinder möglichst in der Familie belassen zu können , wurden geistig behinderte in der DDR damals grundsätzlich aus der Familie genommen und gefördert, sofern man sie als förderungsfähig bzw. – würdig betrachtete3. Die vorliegenden Filme sagen daher viel über die Lebensbedingungen geistig behinderter Kinder in der DDR aus. Wenn sie auch keine ungestellte Alltagsdokumentationen waren. Inwiefern sich die Entwicklungen in der DDR und der BRD unterschieden haben, könnte ein Vergleich mit ähnlichen Materialien aus der BRD zeigen, was nicht nur für die Geschichte der Rehabilitationswissenschaften interessant wäre, sondern eben auch als Indikator für die Entwicklung beider Gesellschaften, die ja eine gemeinsame Vergangenheit und auch wieder eine gemeinsame Gegenwart und Zukunft haben.

Die Filme „Förderungsarbeit an hirngeschädigten Kindern“ dokumentieren die Behandlung und Entwicklung im Laufe der Förderungsarbeit anhand der Beispiele einzelner Kinder. „Kind Sigrid“, „Kind Ilona“, „Kind Armin“ und „Kind Bernhard“ sind die Titel der in mehrere Teile gegliederten filmischen Dokumentationen. So gibt es zu „Kind Bernhard“ Teil 1: Untersuchung TH-F 511 12 min., Teil 2. Heilpädagogische Einzelförderung TH-F 512 17 min und Teil 3: Entwicklungsfortschritt nach einem Jahr TH-F 573, 13min. Bei „Kind Armin“ ist auch ein vierter Teil mit dem Entwicklungsfortschritt nach 2 Jahren vorhanden, möglicherweise gab oder gibt es weitere Teile.

Kind Bernhard, Teil 1: Untersuchung“:


Der Film zeigt Bernhard nach einem Jahr in der Klinik. Rückblickend wird zunächst von seinem Zustand zur Zeit der Aufnahme und den vorliegenden Gründen gesprochen. Dem folgt eine Untersuchung seines körperlichen Entwicklungsstandes im Vergleich zum „normal“ entwickelten Kind, und eine Untersuchung seiner Fähigkeiten und seiner körperlichen und geistigen Entwicklung, ähnlich einer heute üblichen Vorsorgeuntersuchung beim Kinderarzt.


Kind Bernhard, Teil 2 : Heilpädagogische Einzelförderung“,

zeigt Bernhard mit einer Heilerzieherin bei der spielerischen Therapie. Bernhard spielt z. B. mit Bauklötzen, badet eine Puppe und vieles mehr und wird dabei spielerisch in verschiedenen Fähigkeiten und Fertigkeiten gefördert. Zweck der Übungen und sein Verhalten wird kommentiert.


Kind Bernhard, Teil 3: Entwicklungsfortschritt nach einem Jahr“

Einzelförderung

Hier wurde Bernhard nach einem Jahr wieder in der heilpädagogischen Einzelförderung gezeigt und sein Entwicklungsfortschritt kommentiert.

Abschließend wurden seine Fortschritte in Bereiche gegliedert in einer Tabelle eingetragen, die einen Gesamtüberblick über seine Fähigkeiten vermitteln sollte

Solche Entwicklungstabellen werden heute noch angefertigt um Entwicklungsstand von Kindern darzustellen.


Die Filme unter dem Titel „Förderungsarbeit an hirngeschädigten Kindern nach dem Beispiel der heilpädagogischen Arbeit in Ungarn“ zeigen, obwohl sie in der schlichten und schnörkellosen Art von Fritz Dick gedreht sind eine erwünschte Lehrsituation, die den Umgang mit geistig behinderten Kindern, wie sie nach damaligem Verständnis sein sollte, dokumentieren aber nicht den Alltag Kinder.

Die heute zwischen 50 und 60jährigen Menschen ausfindig zu machen und mit ihnen über diese Zeit und über Ihren Lebensweg zu sprechen, könnte sehr interessant sein.

.1Betriebsgeschichte des VEB DEFA Studio für Spielfilme Teil 3, 1984, S.45-55

Herausgeber: Betriebsparteiorganisation der SED im VEB DEFA Studio für Spielfilm

Redaktion: Eva Seemann

2 Liese-Lotte Eichler, Einführung in die heilpädagogische Arbeit mit geistig schwer und schwerst behinderten Kinder, Verlag Volk und Gesundhiet, 2. unveränderte Auflage,. Berlin 1968

3Ebenda, VorwortZeile 5- 10… “besagt der Absatz 4 der Anordnung über die Durchführung der psychiatrischen Betreuung von Kindern und Jungendlichen vom 15. Mai 1954, daß Kinder und Jugendliche „ bei denen Bildungsfähigkeit nicht mehr gegeben ist, durch die ABT. Gesundheits- und Sozialwesen des Rates des Kreises in gesonderten Pflegeheimen oder in besonderen Abteilungen der psychiatrischen Einrichtungen unterzubringen sind“.